Franz Pahl

14.12.2022

An der Seite des Volkes

Der Kampf der Südtiroler Geistlichkeit gegen faschistischen Entnationalisierungsterror. Ein weiteres Standardwerk des österreichischen Historikers Helmut Golowitsch. Mit Vorworten des Landeskuraten des Südtiroler Schützenbundes, P. Christoph Waldner OT und des Kapitular-Kanonikus DDr. Johann Enichlmayr.

Der faschistische Terror gegen die deutsche Volksgruppe in Südtirol versuchte Sprache und Kultur auszurotten und die Südtiroler zu unterwürfigen Staatsitalienern zu machen. Dies misslang, weil das ganze Volk sich widersetzte und ein geheimer deutscher Sprachunterricht organisiert wurde. Doch die Abwanderung im Zuge des Hitler-Mussolini-Abkommens riss eine große Lücke. Erst der 2. Weltkrieg stoppte die Abwanderung ins Dritte Reich. 

Mut der Ortsgeistlichen

Doch alle Bemühungen mutiger Männer und Frauen hätten nicht ausgereicht, wenn sich nicht von allem Anfang auch die deutsche Geistlichkeit Südtirols geschlossen gegen den Druck der Staatsmacht gestellt hätte, unter großen Nachteilen für sich und ständigen Bedrohungen ausgesetzt.

Das ist im Allgemeinen bewusst. Aber erst der bekannte österreichische Historiker Helmut Golowitsch hat ein umfangreiches Werk dazu vorgelegt. Es beruht auf peniblen Recherchen und vielen unbekannten Quellen. Längst wäre es Aufgabe der Diözesanhistoriker gewesen, diesen mutigen, beharrlichen Kampf der Südtiroler Pfarrer und Kapläne systematisch zu untersuchen und zu rechtfertigen, als unauslöschliches Merkmal der Südtiroler Kirchengeschichte vorzustellen und auch der Gegenwart als Beispiel vorzustellen. 

Es geschah nicht. Die vielen leuchtenden Beispiele des geistlichen Widerstandes, der sich aus der katholischen Lehre speiste, blieben viel zu unbekannt. Kein Bischof ermunterte die nicht geringe Zahl von fähigen kirchlichen Historikern, sich mit dem geistlichen Widerstand gegen den faschistischen Kulturterror zu befassen. Man hat sich wohl gescheut, um die italo-nationalistische Sichtweise nicht zu belästigen. Sie ist nie völlig erstorben und bis heute unterschwellig virulent geblieben. Da will man ein Ruhmesblatt der Ortskirche lieber vergessen lassen, als es in das kirchliche Bewusstsein zu rufen oder gar – mehr als berechtigt – mit dem gläubigen Volk dieses Kampfes zu gedenken. 

Kanonikus Michael Gamper organisierte zusammen mit Mitverschworenen den geheimen Schulunterricht in deutscher Sprache – den „Katakombenunterricht. 

Eine Ausnahme machte man immer nur mit ganz wenigen Namen: Kanonikus Michael Gamper, den der Athesiakonzern aus familiären und publizistischen Gründen bis heute immer wieder verdienstvoll ins Bewusstsein ruft, und Josef Noldin, der für seinen Einsatz um die deutsche Schule auf die Insel Lippari verbannt worden war. Und wenige andere mehr, die hin und wieder erwähnt werden. 

Standardwerk gegen das Vergessen

Eine systematische Darstellung der Haltung der Südtiroler Ortsgeistlichen gegen die Unterdrückung des Deutschtums blieb aus. Der Historiker Helmut Golowitsch hat es unternommen. Seit Jahrzehnten hat er sich durch historische Werke ausgezeichnet, die historische Wahrheiten gegen die parteipolitische Feigheitsopportunität entschleierten. Diesmal wird dem Kampf der Südtiroler Ortsgeistlichen das verdiente Denkmal gesetzt und dem fahrlässigen Vergessen entrissen. 

Helmut Golowitsch ist ein systematischer Forscher, der alle zugänglichen, aber kaum oder gar nicht genutzten Quellen auswertet, Aussagen belegt und Vorkommnisse in ihrem größeren Zusammenhang beschreibt. Zahllos sind die Beispiele, die Namen, die den geistlichen Widerstand in praktisch jeder Pfarrei, in kirchlichen Einrichtungen und Schulen leisteten. Aus dem christlichen Geist, der nicht dulden wollte, dass der faschistische Staatsterror die Muttersprache des katholischen Südtiroler Volkes sogar noch im Religionsunterricht – auch nach dem Konkordat von 1929 mit dem Vatikan – eliminieren wollte.

Amtlicher Bescheid gegen einen Südtiroler Geistlichen mit Verbot, Religionsunterricht zu erteilen.

Verteidigung der Muttersprache aus dem Glaubensgrund

Die Ortsgeistlichen handelten nicht aus allgemeinen menschenrechtlichen Überlegungen, sondern konkret aus dem Recht des katholischen Volkes, das treu zur Kirche stand. Der Glaube an Gott, so erklärten die mutigen Geistlichen ihren Gläubigen, findet seinen notwendigen Ausdruck in der Verteidigung der Würde des Menschen. Dieser Grundsatz muss seine Geltung immer in der konkreten Situation (in seinem „Sitz im Leben“, würde der Theologe es bildhaft nennen) finden. Das Recht auf den Schutz der Muttersprache ist grundlegender Teil der Menschenwürde und darum unverzichtbar. Der Kampf um die Menschenwürde ist konsequente christliche Nächstenliebe, die sich aus dem Glauben an den liebenden Gott herleitet.

Der nach Österreich geflüchtete ehemalige Südtiroler Parlamentsabgeordnete Dr. Eduard Reut-Nicolussi würdigte 1932 auf einer Kundgebung in Innsbruck den Einsatz der Südtiroler Priester. (Aus der Rede von Dr. Reut-Nicolussi. Wiedergegeben in „Tiroler Anzeiger“, Innsbruck, 18. Oktober 1932.)

Religionsunterricht als Sprachpflege

Die Südtiroler Ortsgeistlichen haben ihre Nächstenliebe gegen jeden Versuch der ethnischen Entrechtung der Südtiroler gelebt und danach gehandelt. Sie wurden deswegen angefeindet, bekämpft, schikaniert, drangsaliert, gewalttätig angegriffen, konfiniert und in ihrer pastoralen Tätigkeit behindert. 

Auch Südtiroler Priester wie der Kooperator Michael Summerer aus Lüsen (Bild links) wurden in Ketten geschlagen und wie andere politische Verfolgte auf kahle Felseninseln wie die Insel Lipari im Mittelmeer verbannt. 

Der Religionsunterricht in der Muttersprache war ja über die Glaubensvermittlung hinaus automatisch und oft gezielt auch Sprachunterricht, der sich dem faschistischen Kulturmord entgegenstellte. Der Südtiroler Historiker Josef Fontana weist in seinem Buch Unbehagen – Südtirol unter der Zivilverwaltung (Innsbruck, 2010) darauf hin, dass jeder Ortspfarrer nicht nur Seelsorger, sondern auch politischer Führer oder zumindest politischer Ratgeber war. Deutscher Religionsunterricht forderte den Gewaltstaat des Tyrannen Mussolini heraus. Er hatte die deutschen Schulen und jede deutsche Kulturtätigkeit, alle deutschen Vereine (sogar die Feuerwehren) verboten und die deutsche Gemeindeverwaltung ausgelöst. Das alles aber reichte dem Terrorstaat nicht. Er setzte auch die Kurien der Diözese Trient (wegen des deutschen Anteils) und die Diözese Brixen unter Druck, missliebige Ortsgeistliche zu versetzen, ihre Tätigkeit zu hemmen oder ganz zu verbieten. Im Trentiner Bischof Celestino Endrici fand die Staatsmacht einen nicht ungeneigten Helfer, der Jahre lang nicht die Geistlichen schützte, sondern sich dem Staat beugte. 

Gewaltmaßnahmen seit 1919 – Bischof Endrici schwieg zu lange

Bereits nach dem 1. August 1919 breitete sich ein nationalistisches Kesseltreiben gegen die Geistlichkeit aus. Die ehemals große Diözese Brixen hatte durch die Landesteilung Tirols den Großteil ihres Gebietes an die Apostolische Administratur Innsbruck-Feldkirch verloren. Die Diözese Brixen war auf ihre wenigen Gebiete südlich des Brenners zusammengeschrumpft. Fürstbischof Johannes Raffl setzte sich entschieden für das Deutschtum in Südtirol ein. Doch in der Diözese Trient hatten es die zehn deutschen Dekanate viel schwerer. Bischof Endrici entpuppte sich bald als recht willfähriger Diener des Machtstaates. 

Verweigerung der Staatsbürgerschaft für einen Pfarrer, der Kinder in deutscher Sprache unterrichtete.

Bittschrift der Dekanate

Die deutschen Dekanate wandten sich darum im Mai 1922 mit einer Bittschrift an Papst Pius XI um die Angliederung des großen deutschen Anteils an die Diözese Brixen. Der Papst entsprach der Bitte schon im August 1922. Die Mussolini-Regierung intervenierte und setzte durch, dass die Angliederung an Brixen rückgängig gemacht wurde. Schwer zu verstehen ist, dass es erst 19 Jahre nach dem 2. Weltkrieg zur Vereinigung mit der neuen Diözese Bozen-Brixen kam. Das ist nicht anders zu erklären, als dass die Brixner Kurie allzu große Sanftheit gegenüber dem Vatikan pflegte und das Anliegen nicht kämpferisch genug verfolgte, obwohl dem demokratischen Italien längst jede Möglichkeit einer Intervention dagegen genommen war.

Ortspfarrer wie Feinde behandelt

Im Unterland und in Ladinien wurde der Entnationalisierungsdruck schon 1919 spürbar. Die Ortspfarrer bekamen es gleich zu spüren. Der Pfattner Kurat Clementi und der Margreider Pfarrer Magagna wurden Schikanen ausgesetzt. Der zivile Generalkommissar für die Venetia Tridentina, Credaro, verlangte die Entfernung dieser Geistlichen aus dem Amt. Beide mussten weichen. Zur Versetzung von Geistlichen kam es noch in zahlreichen anderen Fällen im Laufe der zwei faschistischen Jahrzehnte. 

Aus „Tiroler Anzeiger“, Innsbruck, 2. März 1933. Kurat Bartholomäus Clementi aus Leifers und Pfarrer Paul Magagna aus Margreid.

Faschistischen Druck gab es praktisch in jeder Pfarrei, die sich nicht fügen wollte. Keine beugte sich freiwillig. Der Autor bringt eine Fülle von Beispielen, die sich in alten Pressezeugnissen und Archiven finden. Sie alle aufzuzählen, ist in dieser kurzen Buchbesprechung nicht möglich. Die näheren Schilderungen wird die Lektüre liefern.

Es sei jedoch auf die wesentlichen Bereiche verwiesen, die dem Faschismus mit seiner bereitwilligen Heerespolizeimacht der Carabinieri, die jeden Ort unter Kontrolle zu halten trachteten, besonders ein Dorn im Auge waren:

  • Der deutsche Religionsunterricht, generell und selbst in den Räumlichkeiten der Pfarren
  • Die deutschen Ordensschulen, kirchliche Kindergärten
  • Der verbotene „Katakombenunterricht“, also der geheime Unterricht auf einsamen Bauernhöfen oder in Privathäusern in der Stadt
  • Deutsche Kirchenlieder mit einem patriotischen Hintergrund
  • Prozessionen mit deutschen Gebeten und Gesängen, besonders, wenn sie noch einen leisen Bezug zum österreichischen Kaiserhaus durchschimmern ließen. Das galt vor allem für Herz-Jesu-Feiern und die damit verbundenen abendlichen Bergbeleuchtungen und Fronleichnamsprozessionen

Willkür in jeder Pfarrei – Prozessionen behindert

Willkürliche Verhaftungen, Bedrohungen, Verhöre, behördliche Anzeigen gegen Geistliche waren System. Einige Beispiele seien genannt: In Leifers wurde Pfarrer Bartholomäus Clementi und der Kaplan Jakob Plattner angezeigt, weil eine Gruppe in Tracht mit einer Kirchenfahne an der Herz-Jesu-Prozession teilgenommen hatte. Wegen eines ähnlichen „Deliktes“ wurde in Welschnofen Pfarrer Remigius Kaltenegger angezeigt, weil die Musikkapelle und die Schützen an der Prozession teilgenommen hatten. Es reichte auch schon, Fahnen am Herz-Jesu-Sonntag auszuhängen oder dem Brauch gemäß ein paar Böller abzuschießen, um Geistliche vor Gericht zu bringen.

Prozessionen – womöglich in Landestracht – waren den Behörden ein Dorn im Auge.

Die Herz-Jesu-Prozession wurde als „Akt feindlicher Gesinnung“ betrachtet. In Branzoll stürzte sich am Herz-Jesu-Sonntag 1920 eine Heerschar von Carabinieri auf die Prozessionsteilnehmer, misshandelte und verhaftete eine Menge von ihnen wie gefährliche Aufrührer. Der Protest der deutschen Behördenvertreter wurde vom Generalkommissar Credaro abgewiesen. Das war noch das vor dem Faschismus „demokratische Italien.“ Schon ein weiß-rotes Tuch auf einem Altar genügte, um den Zorn der Carabinieri zu erregen.

Das Herz Jesu-Fest ein Dorn im Auge

Wo immer ein Priester zur Teilnahme am Herz-Jesu-Tag aufrief – und das sehr oft der Fall – hatte es Schikanen und Bedrohungen zur Folge. Dennoch flammten am Abend des Herz-Jesu-Sonntages in vielen Orten die Bergfeuer auf. Da sie verboten waren, nahmen sie erst recht einen politischen Charakter an. 

In Bozen fuhren in der Herz Jesu-Nacht des Jahres 1920 Maschinengewehre auf, da die Italiener einen Volksaufstand befürchteten.

Die Farben Rot und Weiß sollten auch in geistlichen Gewändern wie etwa für Ministranten nicht vorkommen. Bereits eine Feuerwehrkluft erschien als politische Provokation, selbst im Rahmen von kirchlichen Festen. Deutsch sollte auch als Gebetssprache bei religiösen Prozessionen verschwinden. Ein Beispiel: in Prad im Vinschgau wurde eine Antoniusprozession verboten, weil der Pfarrer die Gläubigen deutsch beten lassen wollte. Ein Aufgebot faschistischer Miliz verhinderte die Prozession, die der Pfarrer trotz Verbot abhalten wollte. Der Tiroler Anzeiger berichtete darüber am 6. September 1932. Das Tiroler Bundeslied, Auf zum Schwur, Tiroler Land‘, das mit dem Herz-Jesu-Gelöbnis der Franzosenkriege verbunden wird, konnte nirgendwo polizeiliche Gnade finden.

Nationalismus im Exzess

Das ganze Unheil brach herein, als der Faschismus die Macht ergriff und die Gewaltmaßnahmen bis zum Exzess steigerte.

Faschisten in Bozen – Misshandlung eines Pfarrers in Salurn.

Nun waren Sachbeschädigungen an Pfarrhäusern, Schmähparolen und Abschiebungen von Priestern an der Tagesordnung. Der Faschismus hatte leichtes Spiel. Er brauchte nur den ohnehin schon gewalttätigen Staatsnationalismus noch systematischer ausarten lassen. Er brauchte den Nationalismus, der nun die offizielle politische Staatsideologie des „Partito Fascista Italiano“ Mussolinis war,  als Staatsziel. Auch Hitler hat seinen Judenhass nicht erfunden. Er fand ihn schon allgemein vor, nachdem die christlichen Kirchen ihn 2000 Jahre lang verbreitetet und geschürt hatten.

Muttersprache ist ein Natur- und Menschenrecht

Die Geistlichkeit war auch rege im katholischen Verlagswesen tätig. Die Katholische Aktion mit Pater Dr. Alfons Ludwig unterstützte darum von allem Anfang den Kampf der Ortsgeistlichen mit dem katholischen Schrifttum. 

Pater Alfons Ludwig – in Kinderzeitschriften wurde den Kleinen die deutsche Sprache vermittelt.

Die Katholische Aktion war 1925 gegründet worden, um die Jugend dem staatlichen Zugriff zu entziehen und fest an die katholische Hierarchie zu binden. Diese war natürlich, dem Geist der Zeit entsprechend, streng konservativ ausgerichtet, ließ aber an der Verteidigung der Muttersprache keinen Zweifel. Sie gehörte zum katholischen Selbstverständnis. Glauben und deutsche Kultur und Sprache waren eines. Pater Alfons Ludwig kämpfte an vorderster Front für den deutschen Religionsunterricht. 

Bischof Endrici schaute zu und schwenkte dann um

Das Trientner Ordinariat hatte hingegen lange nichts einzuwenden. Der Staat gab sich kirchenfreundlich, da interessierte die deutsche Sprache nicht. Die Südtiroler sollten italienische Katholiken werden. Bischof Endrici kam die faschistische Ausrichtung nicht ungelegen. In einem Rundschreiben von 1912, als seine Diözese noch Teil der österreichisch-ungarischen Monarchie war, hatte er das Bestreben, in italienischen Gebieten deutsche Privatschulen zu errichten, noch als „Entnationalisierung“ gebrandmarkt. Als die deutsche Schule und sogar der deutsche Religionsunterricht verboten wurden, fanden die deutsche Geistlichen lange Zeit kein Gehör. 

Der Trienter Fürstbischof Endrici stand nicht zu dem verfolgten Klerus

Als reihenweise Pfarrer und Katecheten wegen der deutschen Muttersprache in der Religionslehre Unterrichtsverbot erhielten, hatte Bischof Endrici allzu lange nichts daran auszusetzen. Der Papst hingegen ließ den Dekan des Domkapitels der Diözese Brixen, Josef Mutschlechner, wissen, der Heilige Vater wünsche ausdrücklich den deutschen Religionsunterricht. Der italo-nationale Endrici schwenkte schließlich auf die päpstliche Linie ein. Der Religionsunterricht wurde ab 1928/29 durchwegs in den Pfarrhäusern, in der Kirche oder Räumlichkeiten der Pfarrei erteilt. Die faschistischen Pressionen endeten damit nicht. Unter dem Vorwurf, die Geistlichen würden den deutschen Religionsunterricht zum deutschen Sprachunterricht umfunktionieren, ging man nun gegen die „religiösen Geheimschulen“ vor. Nun vollzogen aber die beiden Diözesanbischöfe von Brixen und Trient einen Schulterschluss und erreichten das päpstliche Verbot gegen die Tätigkeit von italienischen Priestern aus anderen Diözesen. 

Proskriptionslisten wie im alten Rom

Die Verfolgungsmaßnahmen wurden dennoch fortgesetzt. Die deutschen Jugendverbände wurden sämtlich aufgelöst. Deutsche Kinder wurden in die faschistischen Balilla-Gruppen gezwungen und öfters auch militarisiert, wie es ähnlich bei der Hitler-Jugend im Deutschen Reich der Fall war. 

Eine geheime Proskriptionsliste erfasste die „pangermanisti“ und „antiitaliani“ unter den Priestern. Auch der Name „Michele Gamper“ (Kan. Michael Gamper) durfte nicht fehlen. In Sarnthein ließ der Maresciallo (Postenkommandant der Carabinieri) Schulkinder hart unter Druck setzen, um sie zu lügnerischen Aussagen gegen den Deutschordenspriester P. Polycarp Obkircher zu zwingen. Sie sollten sagen, er habe sie veranlasst, das Hitlerkreuz an Zaunlatten zu malen. Die Kinder weigerten sich mutig. 

Österreich hilflos – dann Verbündeter Mussolinis

Österreich konnte nicht helfen, weil es auf das Wohlwollen Italiens angewiesen war, um über den Völkerbund Finanzhilfen zu erlangen. Dafür verlangte Italien Schweigen über das bereits „lange gelöste Problem“ Südtirol. Mit der Machtergreifung Hitlers 1933 wandte sich der Austrofaschismus Italien zu, um Schutz gegen Hitler-Deutschland zu finden. Kanzler Dollfuß und der Duce Mussolini trafen sich in Riccione und demonstrierten Freundschaft. Nach der Einverleibung Österreichs 1938 begann die neue Ära der politischen Zweckfreundschaft mit dem Reich. Das Auswanderungsabkommen sollte das Problem von selbst lösen. Fürstbischof Johannes Geisler wollte als „Hirte mit seiner Herde“ gehen. 

Seelsorger baten um Wiedervereinigung mit Tirol

Nach dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches unterzeichneten die Südtiroler Ortspfarrer im August 1945 fast wortgleiche Erklärungen, in der sie, ermutigt durch Bischof Geisler, die Wiederherstellung der Einheit Tirols forderten. Geisler sandte die Erklärungen an die Alliierten und die Tiroler Landesregierung. Jeder Pfarrer schrieb den Text der Erklärung eigenhändig.

So schrieb beispielsweise Johann Wolf, Pfarrer vom Mauls: „Als Seelsorger von Mauls bezeuge ich, dass die einheimische Bevölkerung von Südtirol aus ganzem Herzen die Wiedervereinigung mit dem übrigen Tirol ersehnt.“ 

Standardwerk gegen Opportunismus

Der weltliche Historiker Helmut Golowitsch hat dem verschämten Zögern und Vergessenlassen der geistlichen Historiker sein verdientes Werk entgegengesetzt. Was die geistlich-diözesane Geschichtsforschung nur punktuell unternommen hat, fügte der Historiker zu einem umfassenden Gesamtbild zusammen. Es ist das Standardwerk über den katholischen Widerstand gegen faschistische Unterdrückung von Sprache und Kultur in Südtirol. Im heutigen opportunistischen Bücklingsmodus der politischen Kurientheologie steht der geistliche Widerstand gegen die faschistische Unterdrückung von Muttersprache und Kultur wie ein großartiges Zeichen am Horizont des letzten Jahrhunderts da.

Helmut Golowitsch:

AN DER SEITE DES VOLKES

Südtiroler Geistliche unter dem Faschismus 1918 – 1939

EFFEKT! Verlag Neumarkt

ISBN 978-88-97053-95-8

 474 Seiten, reich bebildert

EURO 28,90

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