von gru 03.03.2015 19:30 Uhr

Vor 70 Jahren fielen die Bomben auf den Bahnhof von Sillian

Genau heute vor 70 Jahren fielen Bomben auf Sillian. Der 2. Weltkrieg neigte sich dem Ende zu und Fliegerangriffe waren auch in Tirol eine tägliche Erscheinung. Nachmittags gingen die Asthöfe im Zuge eines Tieffliegerangriffes in Flammen auf. Beide Höfe brannten mit dem gesamten Inventar bis auf die Grundmauern nieder.
Die Kinder vom Asthof im Jahr 1944. Der Bub links ist der Autor Peter Leiter sen. Archiv Leiter-Asthof

von Peter Leiter sen. (1935 – 2012)

1935 geboren, besuchte ich als zehnjähriger Schüler die 4. Klasse Volksschule in Sillian.
Meine Heimatgemeinde war im Ersten und im Zweiten Weltkrieg das Ziel feindlicher Angriffe. In beiden Kriegen waren die Bahnstrecke und der Bahnhof davon besonders betroffen.

Im Ersten Weltkrieg wurde durch einen italienischen Granatenangriff ein Haus mitten im Ortszentrum von Sillian getroffen und zerstört. Dabei ist auch eine Frau ums Leben gekommen. Eine Vielzahl von Granatenlöchern, besonders im Bereich der Bahnstrecke, konnte man nach Kriegsende 1918 feststellen.

Fliegerangriffe ab Februar 1945

Viel größere Schäden entstanden in Sillian aber bei den Tieffliegerangriffen von Februar bis April 1945. Schon den ganzen Schulwinter 1944 bis 1945 lang gab es immer wieder Fliegeralarm.

Wenn die Sirene heulte, mussten wir sofort die Schule verlassen und in einem nahe gelegenen Luftschutzkeller Zuflucht suchen. Als solche galten zwei Häuser im Ort, die ein besonders massives Kellergewölbe hatten, aber auch zwei Bunker, die wie ein Bergwerksschacht einige Meter weit in den Berg gegraben wurden.

Einer am Ost- und einer am Westende der Ortschaft. Die Fliegerangriffe begannen dann Ende Feber. Auf dem Verschubgeleise der Bahnstation Sillian waren zu dieser Zeit elf Waggons mit großen, aber leeren Ölfässern abgestellt.

Am 26. Feber um ca. 17.30 Uhr kam ein einzelnes Flugzeug und beschoss diese Waggongarnitur. Dabei ist auf der Bahnstrecke und am Bahnhof kein nennenswerter Schaden entstanden.

Vorsichtsmassnahme bewährte sich

27. Feber 1945: Wie die Tage vorher, so begann auch an diesem Tag um 8 Uhr der Schulunterricht. Unsere Lehrerin, Olga Brunner, kam gleich zu Beginn des Unterrichtes auf den unerwarteten Tieffliegerangriff vom Vortag zu sprechen. Sie stellte an uns Schüler die Frage: ,,Wie verhalten wir uns, wenn wir während der Schulzeit plötzlich von einem Tieffliegerangriff überrascht werden?”

Die Lehrerin hatte sich aber schon eine Vorsichtsmaßnahme ausgedacht. Sie gab uns die Anweisung, bei Tieffliegeranflug sofort die Schulbänke zu verlassen und sich unter die Fenster hinzulegen, um bei einem eventuell durch Bombenabwurf erzeugten Luftdruck vor den hereinfliegenden Fensterscheiben sicher zu sein. Wir mussten diese Übung zweimal durchmachen.

Die Schule war in der großen Kaserne untergebracht, die unteren Jahrgänge im heutigen Theatersaal, die oberen Jahrgänge einen Stock tiefer. Die eigentliche Volksschule befand sich in Sillian im Gemeindehaus, doch war dort in den Schulklassen ein Notlazarett für deutsche Soldaten eingerichtet worden.

Im Tiefflug, im Tiefflug!

Wir hatten eine halbe Stunde Unterricht, da hörten wir von fern Fliegergeräusch. Kaum dass wir dies vernahmen, hörten wir auch schon die Schüler vom unteren Saal schreien: ,,Im Tiefflug, im Tiefflug!” Wie bei einem Befehl stürzten wir unter die Fenster, diese befanden sich ca. 1 m über dem Fußboden. Kaum hockten wir unter den Fenstern, gab es schon einen riesigen Knall von Bombenabwürfen.

Mit einem Schlag flogen die Fenster über unsere Köpfe herein in den Schuhraum und zerbrachen in kleine und kleinste Teile.

Wie wir so alle furchtsam auf einem Haufen hockten, meinte die Lehrerin: ,,Sie werden nämlich wissen, dass hier die Schule ist.” Aber der Angriff galt sicher nicht der Schule, sondern den abgestellten Ölwaggons. Nach ca. fünf bis sieben Minuten zogen die Tiefflieger wieder ab.

Als wir uns wieder unter den Fenstern erhoben und hinausschauten, sahen wir, dass am Bahnhof eine Baracke, die als Restaurant eingerichtet war, lichterloh aufbrannte.
Auch bemerkten wir, dass nicht nur die Fenster kaputt waren, sondern auch die Außenmauer des Schulraumes einen großen Riss hatte. Erst nach und nach wurde uns bewusst, was uns durch die Vorsichtsmaßnahme unserer Lehrerin erspart geblieben ist, nämlich unausbleibliche Kopf- und Gesichtsverletzungen durch die hereinfliegenden Fensterscheiben.

Alle Fenster kaputt

Die Lehrerin ging mit uns Schülern gleich nach dem An griff zum Luftschutzbunker am Westende des Marktes. Dort blieben wir bis zum Abend. Am Nachmittag des 27. Feber griffen die Tiefflieger ein zweites Mal die Waggongarnitur mit Bomben an.

Unsere Höfe (Asthöfe) liegen nahe an der Bahnstrecke, ca. 300 m östlich vom Bahnhof Sillian. Die e1f Waggons mit den leeren Ölfässern standen am Verschubgeleise ca. 100 m von unserem Hof entfernt. Daher waren unsere Höfe durch die Tieffliegerangriffe besonders betroffen.

Im Winter hatte man immer zum Schutz vor der Kälte zwei Garnituren Fenster eingehängt. Aufgrund des abendlichen Angriffes eines Einzelflugzeuges vom 26. Feber wurde vorsorglich eine Garnitur Fenster ausgehängt, damit durch den bei einem Bombenabwurf entstehenden Luftdruck nicht alle Fenster kaputt gehen.

Schon am nächsten Tag, 27. Feber, lohnte sich diese Vorsichtsmaßnahme. Aber nur für kurze Zeit. Beim Angriff am Vormittag gingen alle Fenster in Trümmer. So hängte man die zweite Fenstergarnitur ein. Nachmittags erfolgte dann aber der zweite Bombenangriff. Dabei ging durch die große Druckwelle auch das letzte Fenster in Trümmer.

Die Heimat verlassen

Nun konnte man um diese Zeit ohne Fenster nicht wohnen. Unsere Leute waren gezwungen das Haus zu verlassen. Zu all den schon katastrophalen Zuständen, lag mein Vater Engelbert, 1901 geboren, mit einer schweren Lungenentzündung im Bett.

Er wurde, wie es damals hieß, vom Militärdienst ,,UK” gestellt. Mein kranker Vater und die Mutter bekamen in Villgraten bei nahen Verwandten Quartier. Uns sechs Kinder im Alter von 2 l/2 bis 10 Jahren nahm eine Tante in Heinfelsberg auf Die jüngste Schwester, 1 Jahr alt, holte eine Nachbarin vom Gschwendt.

Da man für die nächsten Tage weitere Angriffe befürchtete, brachten unsere Verwandten und Dienstboten einiges Mobiliar und andere wichtige Gebrauchsgegenstände, meistens in den Nächten außer Haus in Sicherheit.

Ein Pole und eine Russin, die uns damals von der deutschen Wehrmacht als Aushilfskräfte zugewiesen wurden, versorgten in der Früh und abends das Vieh und halfen zudem auch noch beim Hausräumen.

Der Hof brannte

Samstag, 3. März 1945: Um ca. 14.30 Uhr erfolgte der schwerste Angriff auf den Bahnstreckenbereich und den Bahnhof. Zwanzig Minuten lang griffen Flugzeuge mit Brandgeschossen die Waggon-Garnitur an. Die Ölfässer brannten aber nicht, sie waren leer.

Dafür gingen aber unsere Höfe in Flammen auf und brannten vollständig nieder. Zum Glück war zum Zeitpunkt des Angriffes kein Mensch im Haus.
Die Dienstboten waren zu dieser Zeit gerade mit zwei Pferdefuhrwerken  ,,Plünderfuhre” ins Villgratental unterwegs. Schreckliches musste das Vieh mitmachen. In beiden Höfen kamen je neun Stück Vieh und einige Hennen beim Brand ums Leben.

Die Schweine hatte man einige Wochen vorher geschlachtet. Ein Nachbar vom Gschwendt war gleich nachdem die Tiefflieger abgezogen waren, bei den brennenden Höfen. Er wagte sich jedoch nicht mehr in den Stall um das Vieh abzuhängen, weil die Stalldecke jeden Augenblick einzustürzen drohte.

Zudem war das Vieh in Panik und der ganze Stall stand voll Rauch. Er hätte also kaum eine Chance gehabt, das Vieh zu retten. So mussten die Tiere auf schreckliche Weise umkommen.

Das Vieh verbrennt

In den darauffolgenden Tagen war es dann etwas ruhiger. Einige kleinere Fliegerangriffe mit Bordwaffen gab es aber immer wieder. Der letzte schwere Bombenangriff durch die Tiefflieger fand am 17. April statt.

Dabei wurden in den Feldern ums Haus so tiefe Bombenkrater aufgerissen, dass der Vergleich angestellt wurde: Man hätte eine größere Heuschupfe hineinstellen können, sie hätte nicht herausgeschaut! Über die Nationalität der angreifenden Flugzeuge konnte man nie etwas Genaueres in Erfahrung bringen.

Einige behaupteten, die Engländer seien es gewesen, andere wieder sagten, jugoslawische Partisanen. Wer es auch immer gewesen sein mag, eines kann mit ziemlicher Sicherheit gesagt wer den: Angriffsziel waren nicht unsere Höfe, sondern die Bahnstrecke, der Bahnhof und vor allem die elf leeren Ölwaggons.

Der einzige Trost in diesen schweren Tagen war für meine Eltern wohl nach Schillers Gedicht ,,Das Lied der Glocke”: ,,Er zählt die Häupter seiner Lieben und sieh, ihm fehlt kein teures Haupt.”

Auch beim Nachbarn verliefen die Ereignisse in den letzten Kriegstagen des Jahres 1945 ähnlich wie bei uns. Er musste mit seiner Familie und den fünf Kindern das Haus verlassen und fand in Heinfelsberg Quartier. Er bekam von den Engländern eine Baracke zugeteilt.

Der Wiederaufbau

Nach dem Krieg musste mein Vater, der sich – Gott sei Dank – von seiner schweren Krankheit wieder erholt hatte, an den Wiederaufbau denken. In der Schlossmühle – im heutigen E.G.O.-Fabriksgelände – hatte die deutsche Wehrmacht noch im April 1945 ein Barackenlager errichtet.

Die Deutschen wollten noch in den letzten Kriegstagen in Arnbach bei der Grenze eine Front gegen die heranrückenden Engländer aufbauen. Zu allem Glück wurde aber letztendlich nicht mehr gekämpft. Die Deutschen sahen doch die Sinnlosigkeit von weiteren Gefechten ein und gaben auf Das Barackenlager in der Schlossmühle nahmen dann die Engländer in Beschlag.

Da mein Vater wusste, dass ein Neubau des Hauses nicht nur einige Wochen, sondern einige Jahre dauert, entschloss er sich vorerst einmal, eine Notunterkunft zu errichten.

Er ersuchte die Engländer um die Bewilligung, eine Militärbaracke abtragen zu dürfen, um sie neben unserem abgebrannten Hof aufzustellen. Ende Juni 1945 zogen wir dann in diese Baracke ein, die Familie war wieder vereint.

Ein neues Haus

Nun begann man mit dem Hausbau. Das neue Gebäude wurde ca. 30 m westlich des abgebrannten Objektes auf neuem Grund erstellt. Da zu dieser Zeit sämtliche Bauarbeiten die Grundaushub und andere Bauarbeiten händisch gemacht werden mussten, dauerte es gut drei Jahre, bis unser neuer Hof stand. Zu Weihnachten 1948 zogen wir dann von der Baracke in unser neues Haus ein. Es war alles eher als fertig. Doch in weiterer Folge hat man immer wieder etwas dazugebaut und verbessert.

Beim Wiederaufbau hat mein Vater von Verwandten, Nachbarn und wohl überhaupt von den Bauern und deren Angehörigen große Unterstützung erfahren. Besonders viele Robotschichten wurden geleistet.
Die Kindheitserlebnisse der letzten Kriegstage in meiner Heimatgemeinde Sillian bleiben bis heute die eindrucksvollste Zeit in meinem Leben.

Man kann nur hoffen, dass man ähnliche Ereignisse nicht mehr erleben muss und unsere Heimat von den Schrecken eines Krieges verschont bleibt.

 

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